WCAG ist der internationale Standardleitfaden für Web-Accessibility. Die aktuelle Version ist 2.2, und die nächste Version 3.0 befindet sich in der Entwicklung.
WCAG 3.0 befindet sich noch im Stadium eines Working Draft (Arbeitsentwurf). Die Veröffentlichung als offizielle Empfehlung (Recommendation) wird frühestens ab 2028, unter Umständen erst ab 2030 erwartet.
WCAG 3.0 soll inhaltlich grundlegend überarbeitet werden. Wir stellen Ihnen die wichtigsten Änderungen gegenüber WCAG 2.x zusammenfassend vor.
Hinweis: Die folgenden Inhalte stammen aus dem Entwurfsstadium. Sie können sich bis zur offiziellen Empfehlung noch ändern.
Änderungen bei Struktur und Terminologie
- Die „Erfolgskriterien“ (Success Criteria) wurden durch „Outcomes“ ersetzt
- Der Aufbau erfolgt in drei Ebenen: Guidelines, Outcomes und Methoden
- Im aktuellen Entwurf sind 174 Outcomes definiert. Gegenüber 78 in WCAG 2.1 (86 in WCAG 2.2) ist das ein deutlicher Anstieg (durch Zusammenlegung oder Streichung kann sich diese Zahl noch verringern)
- Der Name wurde von "Web Content Accessibility Guidelines" in "W3C Accessibility Guidelines" geändert. Der Geltungsbereich geht über Webinhalte hinaus und umfasst Apps sowie weitere digitale Produkte.
Erweiterter Anwendungsbereich
- Statt ausschließlich auf Webseiten konzentriert sich der Standard nun auf alle digitalen Produkte (Web, Apps, PDF, ePub, AR, VR, Sprachassistenten usw.).
- "Seite" wurde durch "View" ersetzt. Damit werden auch Strukturen mit Bildschirmwechseln, etwa in mobilen Apps, berücksichtigt.
Überarbeitetes Bewertungssystem
- Anstelle der bisherigen Stufen A, AA und AAA gibt es nun eine dreistufige Bewertung: Bronze, Silber und Gold.
- Jedes Ergebnis (Outcome) wird auf einer fünfstufigen Skala von 0 (sehr schlecht) bis 4 (hervorragend) bewertet.
- Die Bewertung wurde auf ein flexibles Modell umgestellt, das die vielfältigen funktionalen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen berücksichtigt.
- Die Bronze-Stufe ist die grundlegende Konformitätsstufe und entspricht im Wesentlichen WCAG 2.1 Level AA.
- Silber und Gold bauen auf Bronze auf und erfordern eine umfassendere Umsetzung sowie Nutzerbewertungen.
Flexibilität bei der Konformitätsbewertung
- Nicht nur die gesamte Website, sondern auch zusammenhängende Abläufe wie Checkout oder Geldtransfer können prozessbezogen als konform ausgewiesen werden
- Fokus auf kontinuierliche Verbesserung und Bewertung in realen Nutzungsumgebungen
- Auch nutzergenerierte Inhalte (UGC: Beiträge, Kommentare, Fotos, Videos usw.) werden berücksichtigt
Einführung funktionaler Kategorien
- Klassifizierung nicht nach „Behinderungsart“, sondern nach „funktionaler Nutzungsfähigkeit“ (z. B. keine Nutzung des Sehvermögens, eingeschränktes Sehvermögen, Gedächtnisschwierigkeiten)
- Jedes Ergebnis wird einer entsprechenden funktionalen Kategorie zugeordnet, und die Bewertung wird auch nach Kategorien ausgewiesen
- Ähnlich dem Ansatz der „funktionalen Leistungskriterien“ in Section 508 bzw. EN 301 549
Abwärtskompatibilität
- Da sich das Bewertungsmodell und die Punktelogik deutlich unterscheiden, besteht keine Abwärtskompatibilität zu WCAG 2.x
- WCAG 2.2 (Stufen A und AA) konforme Inhalte erfüllen voraussichtlich viele Anforderungen der neuen Mindeststufe (Bronze), erfordern jedoch zusätzliche Maßnahmen für neue Tests und Bewertungskriterien
Änderung der Berechnung des Kontrastverhältnisses (Einführung von APCA)
- Statt des bisherigen Verhältnisses (z. B. 4,5:1) wird das neue Verfahren APCA (Advanced Perceptual Contrast Algorithm) verwendet
- Bewertung anhand des Lc-Werts (0 bis etwa 106), der die menschliche Wahrnehmung berücksichtigt
- Die Ergebnisse unterscheiden sich bei hellem und dunklem Hintergrund (basierend auf der tatsächlichen menschlichen Sehwahrnehmung)
- Richtwerte für Lc-Werte sind wie folgt
- Lc 90: Text, der hohe Lesbarkeit erfordert (empfohlen)
- Lc 75: Normaler Fließtext (empfohlen)
- Lc 60: Mindestwert für normalen Text
- Lc 45: Mindestwert für großen Text (ab 18 pt oder fett)
- Lc 30: absoluter Mindestwert für alle Texte
- Lc 15: unsichtbare Schwelle (schwer erkennbar)
Merkmale von APCA
- Berücksichtigt Schriftgröße und Schriftstärke (dünne Schriften erhalten niedrigere Werte)
- Das Ergebnis ändert sich, wenn Text und Hintergrund vertauscht werden
- Legt Wert auf die wahrnehmungsbezogene Gleichmäßigkeit des Kontrasts und bildet so die tatsächliche Lesbarkeit realistischer ab
- Reduziert Fehlbewertungen des WCAG 2.x deutlich (Inhalte, die tatsächlich schlecht oder gut lesbar sind)
So wurden etwa weiße Schrift auf orangefarbenem Hintergrund nach den bisherigen Maßstäben (WCAG 2.x) häufig aufgrund unzureichenden Kontrasts als „nicht bestanden“ bewertet.
APCA hingegen orientiert sich an der tatsächlichen menschlichen Wahrnehmung und stuft Text mit ausreichender Größe und Schriftstärke als zulässig ein, wodurch sich Gestaltungsspielräume und Barrierefreiheit besser miteinander vereinbaren lassen.
Fazit
WCAG 3.0 soll sich gegenüber WCAG 2.x deutlich weiterentwickeln und ein umfassenderes Regelwerk werden, das besser auf die heutige digitale Umgebung passt. Da sich die Bewertungsmethoden grundlegend ändern, ist WCAG 3.0 jedoch nicht abwärtskompatibel zu WCAG 2.x.
WCAG 2 wird nicht abgeschafft und bleibt auch künftig bestehen. Da in vielen Ländern und Regionen derzeit WCAG 2.x als rechtliche Grundlage dient, gehen wir davon aus, dass WCAG 2.x als rechtliche Basis erhalten bleibt, während WCAG 3.0 als Idealbild bzw. Best Practice parallel dazu betrieben wird.
Die Kenntnis der geplanten Änderungsrichtung in WCAG 3.0 ist sehr wertvoll und dient als wichtige Orientierung für die künftige Umsetzung von Barrierefreiheit. Liberogic verfolgt den Entwicklungsprozess aktiv und bereitet sich darauf vor, neue Konzepte in die eigene Arbeit zu integrieren.
Referenz: W3C Group Draft Note 04 September 2025
Vom DTP in die Webwelt: Heute beherrscht er Markup, Frontend, Projektleitung und Barrierefreiheit gleichermaßen – ein wahrer "Techniker-Guru". Seit den Anfängen von Liberogic vielseitig im Einsatz und heute eine lebende Enzyklopädie im Team. Derzeit tüftelt er mit großer Begeisterung an effizienteren Abläufen durch gezielte Prompts – etwa mit der Frage: "Können wir bei der Barrierefreiheit nicht mehr auf KI setzen?" Technik und Denkweise entwickeln sich weiter.
Ayumu Futamata
IAAP-zertifizierter Web Accessibility Specialist (WAS) / Markup-Entwickler / Frontend-Entwickler / Webdirektor